Daniela Baumann | WALTHER COLLECTION

Einführung zur Ausstellung SAM FRANCIS & BERNAR VENET | 2 P o s i t i o n e n

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute Abend hier sein zu dürfen, um Ihnen mit einer kleinen Einführung die ausgestellten Werke von Sam Francis und Bernar Venet näher zu bringen, die sich gleichermaßen kontrastieren und ergänzen, und uns Betrachter zudem über das hinaus führen, was rein sinnlich auf den ersten Blick erkennbar ist.

Eben weil sowohl Parallelen, als auch Differenzen zwischen den Arbeiten beider Künstler existieren, möchte ich Ihnen Francis und Venet auch nicht streng getrennt voneinander vorstellen, sondern eher im Vergleich. Was beide Künstler eint, ist ihre große Popularität in der Kunstwelt.

Francis: Biografie
Der 1923 geborene und 1994 verstorbene Sam Francis gehört den bekanntesten Malern des Abstrakten Expressionismus, einer künstlerischen Bewegung, die ab den späten 1940er Jahren hauptsächlich in den USA wirkte und deren Ziel es war, die Tiefen des Unbewussten durch spontan- gestische, von der subjektiven Intuition geleitete malerische Aktionen auszuloten und auf die Leinwand zu bringen. Sam Francis begann in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre seine malerische Position zu entwickeln, und gehörte damit bereits zur zweiten Generation des Abstrakten Expressionismus, die sich mit dem beherrschenden Einfluss von Künstlern wie Jackson Pollock auseinandersetzen musste, um ein eigenständiges Profil zu entwickeln. Den Beginn seiner künstlerischen Laufbahn assoziierte Sam Francis, der zu Beginn der 1940er Jahre Botanik, Medizin und Psychologie an der University of California in Berkely studiert hatte, rückblickend stets mit einer einschneidenden autobiografischen Erfahrung: Während eines Flugtrainings bei der US Air Force erlitt Francis bei einem Flugzeugabsturz 1943 schwere Verletzungen der Wirbelsäule, die ihn zu einem langjährigen Aufenthalt in Kliniken zwangen, den er größtenteils liegend im Gipskorsett verbrachte. In dieser Situation begann er 1944 zu malen – eine Aktivität, der er besondere Heilkräfte und letztlich seine Genesung zuschrieb. 1947 kehrte Francis an die University of California zurück – allerdings nicht, um die bereits begonnene Ausbildung zu beenden, sondern um Malerei zu studieren. Neben Malerkollegen wie Mark Rothko beeinflusste insbesondere ein siebenjähriger Aufenthalt in Paris seine Malerei, die sich durch ein vorrangiges Interesse an Licht und Farbe sowie Fragen nach deren spiritueller und meditativer Qualität auszeichnet.

Venet: Biografie
Auch wenn Bernar Venet sicherlich nicht einen so hohen Bekanntheitsgrad hat wie Sam Francis, ist auch der Franzose ein Künstler, der es mit seinen Arbeiten, insbesondere mit seinen spektakulären Stahlskulpturen, zu weltweiter Bekanntheit gebracht hat. Im Unterschied zu Sam Francis fand Bernar Venet seine Berufung bereits in sehr jungen Jahren. Schon als Zehnjähriger begann er zu malen. Diesen so früh eingeschlagenen Weg verfolgte Venet konsequent weiter. Er studierte in Nizza an der städtischen Schule für Gestaltende Kunst und widmete sich dieser ersten wichtigen Schaffensphase als freier Künstler in den 1960er Jahren der Auseinandersetzung mit Malerei, Zeichnung und Fotografie, bis er sich 1971 für einen Zeitraum von fünf Jahren von der künstlerischen Tätigkeit zurück zog. Venet konzentrierte sich in dieser Phase auf kunsttheoretische Fragen, und begann, sich intensiv mit mathematischen und physikalischen Fragen zu beschäftigen.

Venets und Francis‘ Werke im Kontext der europäischen Nachkriegsmoderne Bis heute spielen Mathematik und Physik eine wichtige Rolle im Werke Venets, wie hier in der Ausstellung schnell deutlich wird. Auf den ersten Blick bestimmen Gegensätze und polare Beziehungen die Inszenierung, Sam Francis‘ oftmals von scheinbar wild und spontan gesetzten Farbklecksen dominierte und in strahlend-kräftigen Tönen gehaltene Arbeiten treffen auf die sehr reduzierte Farbpalette und klare Linienführung, die viele von Bernar Venets zwei-und dreidimensionale Exponate charakterisieren.

Venet ist wie Sam Francis ein Künstler, der sich in seinen Arbeiten völlig auf die gestalterischen Mittel von Farbe und Form beschränkt. Anders als in der konventionellen Kunst haben Farbe und Form bei Venet und Francis keine dienende Funktion, sie sind nicht bloße Werkzeuge zu Erschaffung einer gegenständlich-realistischen Illusion, sondern autonom, d.h. alleiniger Werkinhalt. Die Arbeiten beider Künstler sind im Kontext jener geistig-kulturellen Erneuerungsbestrebungen verankert, welche in den 1950er und 1960er Jahren versuchten, das schwere Erbe der Erfahrung von Weltkrieg und Holocaust zu überwinden. Die faschistischen Regime Europas und die kommunistische Sowjetunion hatten mit ihren ästhetischen Idealvorstellungen und der damit einher gehenden Ausmerzung davon abweichender -im zeitgenössischen Sprachduktus “entarteter“ Kunst -dazu beigetragen, dass in der Nachkriegszeit der Realismus als Kunstform pauschal den totalitären Systemen des Nationalsozialismus und des Kommunismus zugeschrieben wurde. In der Konsequenz wurde die unter diesen Regimen geächtete Abstraktion vor allem in den USA als symbolische Demonstration der Freiheit gefeiert und mit Wertvorstellungen wie Selbstbestimmung, Risiko und Humanismus gleichgesetzt.

Francis: Der Expressionist
Dort avancierte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die bereits erwähnte Bewegung des Abstrakten Expressionismus zur dominierenden Kunstrichtung. Unter dem Begriff wird kein einheitliches ästhetisches Programm, sondern eine Vielzahl verschiedener künstlerischer Ausdrucksformen zusammengefasst. Allen Varianten dieser abstrakten, nicht-geometrischen Kunst gemeinsam ist der Charakter der Improvisation, des Experiments und das Bestreben, seelisch- körperliche Befindlichkeiten im Bild umzusetzen. Der Abstrakte Expressionismus reflektiert subjektive Empfindungen der jeweiligen Künstler und damit insbesondere die existenzialistische Skepsis der Nachkriegsjahre wieder.

In jenen Jahren, in denen Sam Francis in Paris lebte, beherrschte der Tachismus die Diskussionen und die Produktion der französischen Kunstszene. Die Vertreter des Tachismus versuchten, spontane Empfindungen und das Unbewusste unter Vermeidung jeder rationalen Kontrolle durch Auftrag von Farbflecken auf eine Leinwand darzustellen. Jedoch zeigten sich nicht alle Zeitgenossen von dieser Stilrichtung so begeistert wie Sam Francis, den die Begegnung mit dem Tachismus nachhaltig prägte. Der Stilbegriff entstand durch eine abfällige Bemerkung des Kunstkritikers Pierre Guéguen, der derartig abstrakt-expressionistische Werke als „tachisme“, zu Deutsch „Fleckwerk“, bezeichnet hatte.

Wie den Tachisten auch, ging es Sam Francis darum, einen subjektiven und genuinen künstlerischen Ausdruck jenseits aller Intellektualität und Kausalität, frei von der Zensur des Verstandes zu finden. Temperament und Charakter des Künstlers, sein Glück und seine Verzweiflung kommen auf diesen Bildern ganz unmittelbar und ohne Umwege über ablenkende Motive zum Ausdruck. Anders als den Tachisten oder Vertretern des amerikanischen Action Painting ging es Francis aber um mehr als den momenthaften, psychischen Impuls und automatischen Malakt. Seine eher lyrisch als gestisch- expressiv orientierte Malerei zeichnet sich durch die Poesie der Farbzusammenstellung und Farbmodulation aus. Im Gegensatz zu den pulsierenden Gespinsten und dem dynamischen Chaos des Action Painting oder des Tachismus schuf Francis Kompositionen aus Farbflecken, Farbwolken und Farbnebeln, die sich umlagern und umschließen und bei deren Anordnung ganz klar ein ästhetisches Kalkül zum tragen kommt. Charakteristisch für Francis‘ Werke ist eine gelöste, lichte, beinahe meditative Stimmung. Frei hingeworfene Farbspritzer und lineare Tropfspuren, von einer wolkigen Lasur überlagert, suggerieren eine spielerische und ungezwungene Bewegung.

Venet: Der Konzeptkünstler
Von spielerischer Leichtigkeit kann im Falle der Papierarbeiten Bernar Venets keine Rede sein. Dick und in tiefem Schwarz setzt er seine Liniengebilde auf den weißen Grund. Zwar muten diese im ersten Moment spontan-gestisch an, bei näherer Betrachtung wirken die Kompositionen aber exakt kalkuliert. Wie bereits erwähnt, ist auch Venets Werk stark von der Nachkriegszeit und der zeitgenössischen Suche nach einer geistig-kulturellen Neuverortung geprägt. Allerdings auf eine ganz andere Art als bei seinem Malerkollegen Sam Francis. Das mag daran liegen, dass Venet einer jüngeren Künstlergeneration entstammt. Als er Ende der 1950er Jahre Kunst studierte, war der Abstrakte Expressionismus mit seinen diversen Varianten beliebt wie nie und auf dem Kunstmarkt in einer dominierenden Stellung. Vielen jungen Künstlern erschien er aber nicht mehr zeitgemäß, sie empfanden diese Art der Kunst als „mit einem Übermaß an psychologischem Ballast befrachtet“. Der existenzialistischen Skepsis der Nachkriegsjahre müde, zogen Künstler Heinz Mack, Günther Uecker, Otto Piene, Pierre Restany, Lucio Fontana, Arman oder eben auch Bernar Venet aus der veränderten Situation, wie sie sich auch politisch und ökonomisch in der Aufbruchsstimmung der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre ausdrückte, die Konsequenzen. Die „Stunde Null“ als Synonym für den totalen Neuanfang sollte nun auch in der Kunst ihre Umsetzung finden. Der Weg führte demnach konsequent von der subjektivistischen Handschrift zur quasi anonymen Objektivierung.

Venet begann bewusst und sehr konzeptionell, gegen das schöne Bild, gegen jede Figuration, gegen jede Illusion, Subjektivität und persönliche Handschrift zu arbeiten. Die Offenheit der Situation einer völligen Neuverortung der Kunst nutzend, beschränkte sich der Künstler in dieser Zeit nicht auf ein künstlerisches Medium, sondern lotete sich selbst und sein Können in den verschiedensten Genres aus. Maler, Fotograf, Komponist, Bildhauer, Autor, Performance-Künstler – noch immer passen all diese Bezeichnungen auf Bernar Venet, der sich bis heute als eine Art Universalkünstler in all diesen Bereichen ausdrückt.

Eine intensive Auseinandersetzung mit der Minimal Art, der minimalistischen Kunst, gab Venets Werk Ende der 1960er Jahre schließlich die entscheidende Richtung, da sie mit ihrem Bestreben, jede Spur von Subjektivität, Metaphorik, Illusion oder Symbolik in der Kunst auszuschalten, seinem monosemischen, d.h. eindeutigen Kunstverständnis sehr nahe kam. Venet selbst beschrieb seinen künstlerischen Ansatz wie folgt, in der Hoffnung alle Interpretationsversuche seiner Arbeiten ein für alle Mal zu unterbinden:

„Das Objekt ist nichts anderes als es selbst und bedeutet nur sich selbst und nicht irgendetwas anderes.“

Die ersten Stahlskulpturen entstanden in der Folge, allerdings nur als Entwurf auf dem Papier, da es dem jungen Künstler an den finanziellen Möglichkeiten zur tatsächlichen Umsetzung mangelte. Um die von ihm vorgesehene Realisierung in Großformaten zumindest als Möglichkeit anzulegen, begann Venet in dieser Zeit damit, sich umfassende Kenntnisse der Mathematik und Statik anzueignen. Wie seine Plastiken auch, sind die linearen Konstruktionen auf seinen Papierarbeiten nichts anderes als Umsetzungen von exakten mathematischen Berechnungen, d.h. der Betrachter sieht Formeln in grafischen Varianten. Durch den Einsatz von mathematischen, logisch-rationalen Grundstrukturen näherte sich Venet immer stärker seiner Idealvorstellung einer möglichst objektiven, eindeutigen Kunst an – letztlich zwang ihn aber seine selbstgewählte Beschränkung auf ein sehr reduziertes Formenvokabular 1971 in jene künstlerische Schaffenspause, von der bereits eingangs die Rede war. Sich in einer Art Sackgasse wähnend, brach Venet mit seiner sehr strengen Kunstdefinition, indem er 1979 die ‚lignes indéterminées‘, unbestimmte Linien, die sich mathematisch nicht beschreiben lassen, in sein Werk einführte. Mit diesem Akt bereicherte Venet sein künstlerisches Schaffen um einen entscheidenden Aspekt, der jenes durchdachte, für sein Werke heute charakteristische Spiel mit Objektivität und Subjektivität, mit bestimmten und unbestimmten Linien, mit Vorhersehbarkeit = Ordnung und Unvorhersehbarkeit = Zufall erst ermöglichte.
Venet und Francis: Das Arbeitsmaterial Papier
Ganz im Sinne von Venets Kunstauffassung sind seine Zeichnungen und Drucke der physischen Skulptur aber nicht untergeordnet, sondern gleichwertig mit ihr. Sie sind autonom und funktionieren als eigenständige Bilder, „nicht als Übermittler von Informationen für die Erstellung eines Kunstwerks“, wie es die Kunsthistorikerin und Kuratorin der Bundeskunsthalle Susanne Kleine einmal zusammengefasst hat.
Während für Bernar Venet Papier nur ein Medium, nur eine Ausdrucksmöglichkeit unter vielen ist, bevorzugte Sam Francis dieses Arbeitsmittel aus bestimmten Gründen: Im Gegensatz zur Leinwand muss Papier nicht langwierig und zeitaufwändig für den Malakt vorbereitet, beispielsweise nicht erst auf einen Keilrahmen gespannt und grundiert werden. „Das Papier ist bereit, wenn Du es bist“, äußerte Francis sich begeistert, das Papier als Material wertend, das seiner von Spontaneität und Emotion getriebenen Malweise entsprach.

Francis und Venet: Spiritualität vs. Erkenntnis
Sam Francis zielte mit seiner Malerei nicht auf über Inhalte vermittelte Wirkung sondern das unmittelbare Erlebnis der Farbe, des Farbfelds, das zum Farbraum wird, wenn der Betrachter, wie es der Maler verlangt, nahe genug an das Bild herantritt und sich unter Verzicht auf überlieferte Sehgewohnheiten ganz der Farbe ausliefert, die durch vielschichtigen Auftrag zum Leuchten gebracht worden ist. Für Bernar Venet hingegen ist Kunst weniger ein sinnlich-ästhetisches Vergnügen, als vielmehr ein Mittel zur Erkenntnis.

Auch wenn Francis mit seinen Arbeiten um ein emotionales und spirituelles Erleben der Farbe ging, nicht um die Auslösung intellektueller Debatten, evozieren sie doch dieselben Fragen wie die Werke von Bernar Venet, der stets das Kunstverständnis des Betrachters herauszufordern versucht: Was ist ein Bild? Muss es auf Sinnzusammenhängen und Erklärbarkeit basieren, oder kann es interpretatorisch völlig frei und nur durch eine rein formale Struktur begründet sein?